Bitte Trolle nicht füttern!

Murmeltier | © jakezc
Murmeltier | © jakezc

Unter Medien verstand man bis vor wenigen Jahren professionelle Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. Die sozialen Netzwerke haben die Landschaft tiefgreifend verändert. Jeder von uns, der ein Konto bei Facebook oder ähnlichen Plattformen besitzt, kann Nachrichten verbreiten, die solcher Verbreitung kaum wert sind: Die Nachrichten von Trollen.


 

Im Zeitalter des Internets erstrahlt diese von der nördlichen Mythologie abgeleitete, dämonische Zwerg- oder Riesenfigur in neuem Glanz. Als Trolle bezeichnet man heute Nutzer, die im Internet tendenziöse oder gar falsche Nachrichten fabrizieren. Sie werden dafür bezahlt oder machen das aus Überzeugung. Dabei helfen ihnen der freie Zugang zum Netz und die populärsten Plattformen: Ein Troll ohne Internet wäre ein Nichts. Genauer gesagt: Ohne Internet-Nutzer, die seine Posts millionenfach teilen, bliebe ein Troll ein unsichtbarer Zwerg.

In Kriegszeiten spielen die Medien eine Schlüsselrolle.  Bei einem modernen Krieg sind die Trolle und die Internet-Surfer, die Kriegsberichte unkritisch und emotional durch Anklicken der Schaltfläche «Teilen» verbreiten, ein wichtiges Stück der Gesamtstrategie. Die Krise in der Ostukraine stellt ein grausames Vorbild dafür. Konkrete Beispiele sind dermassen zahlreich, dass eine Fallanalyse hier keinen Sinn macht. Aus den Beobachtungen der Medienlandschaft um die ukrainische Krise möchte ich nur einige und unvollständige Hinweise geben, wie man sich vor Trollen schützen kann. Denn man liest Inhalte, die mit Tausenden «Gefällt mir» gepriesen und eifrig verbreitet werden, aber kaum ernst zu nehmen sind.

Wortwahl. Nachrichten von Trollen werden oft mit unnötig extremen Begriffen (faschistisch, rassistisch, mörderisch, kommunistisch, Staatsstreich, Revolution usw.) gefüllt. Ein glaubwürdiger Berichterstatter kann selbst über die grausamsten Fakten ohne sprachliche Exzesse berichten und nutzt starke Ausdrücke nur dort, wo sie gerechtfertigt sind. Ein ungeschickter Sprachgebrauch beruht meistens auf einem schwachen Verständnis des betreffenden Zusammenhangs. Letzterer wird daher rein ideologisch und emotional dargestellt.

Bilder und Videos. Eine Foto- oder Videoaufnahme ist nur dann glaubhaft, wenn sie zu einem genauen Ort und Zeitpunkt eindeutig zugeordnet werden kann. Im Facebook erscheinen ab und zu brutale Aufnahmen von Verletzten und Leichen: Die Bilder werden ohne jeden erkennbaren Bezug als «in der ostukrainischen Stadt A aufgenommen, wo die Soldaten von B die Zivilbevölkerung töten» verkauft. Die Tatsache, dass der Inhaber einer Facebook-Seite ein Bild als echt verbreitet, reicht nicht aus, um eine Verbindung mit konkreten Ereignissen herzustellen. Selbst wenn ein Foto mit Leichen, oder zerschlagenen Fenstern, wahrhaft wäre, besagt es noch nicht, wer auf wen dort geschossen hat. Dies können selbst unabhängige professionelle Beobachter oft nicht entscheiden.

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Die Bewohner von Kriegsgebieten sind verärgerte und verängstigte Menschen. Bürger, die in solchen Regionen auf der Strasse interviewt werden, selbst von Journalisten von etablierten Medien, verdienen unser Respekt, da ihr Leben und ganzes Hab und Gut auf dem Spiel steht, dennoch können sie die Sachlage nicht unbedingt richtig beurteilen, eben weil sie im Mittelpunkt des Geschehens sind. Die Bürger von Kriegsschauplätzen haben einen nur begrenzten Zugriff auf Informationsquellen und erhalten Nachrichten meistens nur von der Seite, die zum betreffenden Zeitpunkt ihr Gebiet militärisch beherrscht. Die Ostukraine stellt keine Ausnahme zu dieser Regel dar.

Blog-Artikel immer sorgfältig durchlesen, bevor man sie teilt. Die Schlagzeilen von Trollen sind absichtlich irreführend. Vor einigen Tagen erschien ein Artikel im Netz über den Absturz des malaysischen Flugzeuges MH17. Die Schlagzeile lautete: «Ursache endlich geklärt: Schuld am Absturz ist… so und so». Der Text unter dieser Aufschrift war eine Sammlung von Banalitäten und leistete gar keinen Beitrag zur Klärung des Vorfalls. Die Schlagzeile liess sich aber schnell verstehen und verbreiten. Dass der Artikel, geschickt und glaubwürdig verfasst, nur Allgemeinplätze enthielt, die versprochene Schuldzuweisung faktisch kaum begründete und sogar manche Übersetzungsfehler aufwies, war nicht so einfach zu erkennen.

Auch namhafte Quellen haben nicht unbedingt Gold im Mund. Herkunft des oben zitierten Artikels war die Internet-Seite eines Konsulats eines der beiden Konfliktländer. Der Urheber eines Internet-Auftritts stellt noch keine Garantie für die Glaubwürdigkeit der Inhalte dar. Es gilt auch hier ein Prinzip des Strafrechts: Nullum crimen sine actione. Wer sagt: «AYZ ist daran schuld!», der muss auch eine materielle Handlung des Täters bezeichnen und beweisen können. Schuldzuweisungen auf der Grundlage von Vermutungen oder rein ideologischen Deutungen sind nicht möglich. Es mag Indizien geben: Diese können zwar genannt werden, aber müssen immer als solche kenntlich gemacht werden und dürfen nicht als Beweise verkauft werden.

Selbsterklärte Staaten und deren «Regierungsmitglieder» sind als solche ausdrücklich zu bezeichnen oder in Anführungsstrichen zu schreiben. Wird diese Regel in einem Bericht oder Post verachtet… Augen auf! «Volksmund ist Wahrheit:» Das ist nicht immer der Fall. Offizielle Informationsquellen können zwar gelenkt sein, aber die Verbreitung von Nachrichten durch nicht professionelle Medien kann im Zeitalter von Facebook und Twitter noch einfacher und preisgünstiger beeinflusst werden. Wer kann einen Troll zu einem Riesen machen? Das sind wir selbst, indem wir im Netz auf eine Nachricht emotional reagieren und fast automatisch auf «Teilen» oder «Retweeten» klicken. «Ich teile alles mit meinen Freunden und Followern, was mir gefällt und beeindruckt, sie werden selbst beurteilen, ob sie daran glauben wollen». Das ist leider ein weit verbreitetes Argument.

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Wenn man keine Möglichkeit hat, eine Nachricht zu prüfen, wenn es um Länder geht, deren Sprache und Kultur man nicht ausreichend kennt, wenn… wenn… wenn…, sollte man die Mouse vom Teilen-Button am besten fernhalten und Trollen das Futter verweigern, damit sie Zwerge bleiben.

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