Kein Zurück für neue italienische Auswanderer

Leere Sitzbank, Santa Maria Navarrese (I) | © Umanoide
Leere Sitzbank, Santa Maria Navarrese (I) | © Umanoide

In dieser Zeit des Jahres tauchen in der Schweiz italienische Bürger einer besonderen Art auf: Die neuen Auswanderer. Sie sind auf der Fahrt nach Italien für das Weihnachtsfest. Sie sprechen wie jeder andere Schweizer, deutsche oder amerikanische junge Erwachsene. Für diese jungen Migranten kann es in Italien überhaupt keinen Platz geben. 


 

In dieser Zeit des Jahres tauchen in der Schweiz italienische Bürger einer besonderen Art auf: Die Wirtschaftsmigranten der jüngeren Generation. Nicht alle wohnen hier im Kanton Tessin, viele arbeiten in der Deutschschweiz oder in Deutschland, sie fahren hier nur vorbei. Sie sind auf der Fahrt nach Italien für das Weihnachtsfest. Sie sind zwischen 30 und 40 Jahren alt, sie sprechen unter sich über Arbeit und Karrierechancen, und dies tun sie meistens mit munterem Ton. Von den Jeremiaden ihrer italienischen Altersgenossen, von der leeren Rhetorik der «Ansprüche» und des allmächtigen, an allem schuldigen Staates, hört man in ihren Gesprächen kein einziges Wort.

Sie sprechen wie jeder andere Schweizer, Deutsche oder amerikanische junge Erwachsene. Ihre Kleidung ist elegant und doch nicht auffällig, aus ihren Mundarten sind die Akzente ihrer Ursprungsregionen nicht völlig verschwunden, aber ihr Italienisch ist gut gepflegt und zeugt von einem hohen Bildungsniveau. Sie stammen nicht aus den Eliten – dies würde man an ihrer Haltung und Wortwahl erkennen. Sie sind Kinder einfacher oder kleinbürgerlicher Familien, aus den unterschiedlichsten Landesteilen.

Man begegnet diesen jungen Menschen in den Langstreckzügen von Norden nach Süden oder an der Kasse der Tessiner Supermärkte, in denen sie etwas Typisches kaufen, das sie als Weihnachtsgeschenk «da unten» mitbringen. Sie sind keine Wunderkinder: Sie sind einfach talentierte Frauen und Männer. Sie sind diejenigen gut ausgebildeten, zielstrebigen jungen Erwachsenen, die Italien in seit mindestens einem Jahrzehnt stetig ansteigender Anzahl an seine europäischen Nachbarstaaten verliert.

Ich höre ihre Gespräche um mich herum und erkenne, dass es für diese jungen Migranten in Italien keinen Platz überhaupt geben kann. In ihrem (unserem) Geburtsland gilt mittlerweile der Massstab der «Schwächeren:» In diesem Begriff liegt eine subtile moralische Erpressung versteckt, denn die Schwächeren beanspruchen den Schutz der Gemeinschaft. Dies stellt übrigens niemand in Frage. Der Hof der «Schwächeren» ist dennoch so unüberschaubar, in Italien, dass man mittlerweile die eigentlich Schutzbedürftigen von den Unwilligen, den Trägen, den Ignoranten kaum noch unterscheidet.

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Diejenigen, die Schule schwänzen, und trotzdem ein Diplom erlangen; die keine Fremdsprachen können, und trotzdem zu Büroleitern für Aussenhandel, wenn nicht sogar zum Aussenminister oder Vorsitzenden eines europäischen Ausschusses werden; die Trittbrettfahrer der politischen Parteien, die, als Journalisten getarnt, die öffentliche Meinung mitgestalten. Diese Menschen setzten heute den Massstab in Italien, denn sie sprechen die «Sprache des Volkes». Man erlebt solche menschlichen Gestalten in jedem Büro, im öffentlichen Dienst wie in der Privatwirtschaft, von der Verkäuferin eines Bahnhofskiosks bis zu den Entscheidungsträgern der Grossunternehmen.

Begabte und Talentierte sind diesen Opportunisten, neuen Gauleitern einer neuartigen Diktatur des Mittelmasses, ein unerwünschtes Vorbild. Talente gehören am besten ins Ausland, mögen sie zu Weihnachten ein paar Tage wieder heimfahren, dies kann man noch vertragen. Länger doch bitte nicht. Nicht, dass sie die Reinheit des Volkes, die immer mehr einer modernen Auflage der hitler-mussolinischen Reinheit der Rasse ähnelt, mit einer gepflegten Sprache, einer kosmopolitischen Ausbildung und Intelligenz trüben.

Für die Wirtschaftsmigranten der jüngeren Generation sieht Italien wie ein Fremdkörper aus, der sich nach eigenen Regeln entwickelt, wenn überhaupt, von jedem europäischen Standard völlig abgekoppelt. Als Italiener im Ausland kriegt man es jedes Mal hautnah zu spüren, wenn man von einem Zulieferer oder der Staatsverwaltung des eigenen Geburtslands irgendwas braucht. Als Ausgewanderte hat man, selbst nach langem Aufenthalt im Ausland, immer noch kleine Dinge vom eigenen Lande, die man nie wirklich loswird. Es mag das Entrichten einer Steuer, eine Dienstleistung oder eine Familienangelegenheit sein. «Ach, Sie sind aber im Ausland wohnhaft… dann muss ich nachfragen… Neee, das geht nicht… Tja, aber, vielleicht doch… hätten Sie nicht ‘ne italienische Anschrift?… Ich kann Ihre ausländische Telefonnummer ins System nicht eintragen… haben Sie etwa eine Festnetznummer in Italien?…»

Nö-ö, die hab’ ich nicht, ich wohn’ doch schon zehn Jahre von jener Anschrift weit weg, die Post holt dort niemand mehr und kein Mensch würde ans Telefon gehen. Ein Grosszulieferer hat trotz unendlicher Streitereien meine schweizerische Postadresse noch nicht richtig in seine Datenbank einpflegen können: Das Versenden einer Rechnung ins Ausland sei «nicht vorgesehen», vierstellige Postleitzahlen bringen das System ins Stocken, Zusatzzeilen für die Angabe des Bestimmungslandes gibt es nicht. Und ich kriege keine Rechnung und verpasse den Zahlungstermin und vermisse die Zahlungserinnerung und kämpfe mit dem Kundendienst. Eine Rechnung kann man mittlerweile auch per E-Mail versenden und mit Kreditkarte begleichen: Ja, aber «nur wenn Sie in Italien ansässig wären und mit einer in Italien ausgestellten Kreditkarte zahlen könnten». Dass es oberhalb von Bozen, Como und Aosta eine ganze Welt gibt, nimmt man in Italien einfach nicht wahr.

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Die Leistungen der neuen Gastarbeiter, die nach erfolgreich abgeschlossenem Studium in Italien eine Berufskarriere und eine Familie im Ausland gründen, deuten auf einen ernüchternden Sachverhalt: Es ist immer noch einfacher, in einem fremden beruflichen Umfeld und einer fremden Sprache erfolgreich zu sein, als sich im eigenen Lande gegen sture Unternehmer durchzusetzen, die an den Schlüsselstellen der Unternehmen ihre Kinder und Günstlingen einsetzen, während sie die besten Kräfte mit Demütigungen und lächerlichen Gehältern stummschalten.

Alle jungen Italiener, die im Ausland arbeiten, erzählen Forschern und Journalisten, die sie über ihre Motive befragen, die gleiche Geschichte: «Solange ich in Italien arbeitete, sass ich in einer Ecke und musste nur alles tun, was ein Büroleiter ohne Qualifikation von mir wollte; jedes Mal, wenn ich etwas vorgeschlagen, einen Verbesserungsvorschlag, einen Wunsch geäussert habe, wurde ich zum Schweigen gebracht. Seitdem ich in der Schweiz, in Deutschland, in [Land nach Belieben] bin, mache ich mit meinen Kompetenzen sprunghaft Karriere». Italien ist das letzte Land, in dem sowjetische Arbeitsverhältnisse herrschen, obwohl es keine einzige Stunde Mitglied der Sowjetunion war.

In der Generation der jungen Wirtschaftsauswanderer verspielt Italien seine zukünftigen Führungskräfte von Staat und Privatwirtschaft. Das Land wird in 25 Jahren diese Generation vermissen, wie es heute vielen Ländern Osteuropas eine Generation von gut ausgebildeten Fünfzigjährigen fehlt. Vor 25 Jahren, als die Mauer fiel, wanderten Millionen von Osteuropäern gen Westen aus. Die meisten sind dort auch geblieben. Die unkluge Wirtschaftsführung, die kurzsichtige Politik der polnischen, ungarischen, ukrainischen Regierungen von heute sind die Geschwülste von Gesellschaften, denen es an langsichtigen, europäisch ausgebildeten Führungskräften mangelt. Die Besten sind einfach weg, sie werden nie zurückkommen.

Bei den Ostländern kann man immerhin einen mildernden Umstand nennen: Das Ausbluten an qualifizierten Arbeitern hatte damals in einem halben Jahrhundert Stagnation der sozialistischen Wirtschaft eine objektive Ursache. In Italien ist das Ausstossen der vielversprechendsten, jungen Führungskräfte der Zukunft gewollt und es schreitet zielbewusst, nach dem Willen der Mehrheit, mit der Gnadenlosigkeit einer ethnischen Säuberung fort.

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