Israel und Palästina: Begriffe und Rückblick

Lektüre der Bibel | © munchkinmoo
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Man macht sich zurecht Sorgen um die Lage in Palästina. Wir verwenden bei der Beschreibung des Konfliktes Begriffe, deren Hintergrund von der Flut der Eilmeldungen überschattet wird aber der trotzdem viel zu den Zusammenhängen eines scheinbar unendlichen Krieges zu sagen hat. Was beim Konflikt überrascht, ist der überproportionale Einsatz von Kriegsmitteln.


 

Was ist «Palästina?» Der historische Begriff entspricht bei Weitem nicht der heutigen Auffassung, nach der dieses Wort nur noch den Gaza-Streifen und das Westjordanland (auch Cisjordanien) bezeichnet. Palästina ist eigentlich der ganze Landesteil, der sowohl den Staat Israel als auch die palästinensischen Gebiete umfasst. In dieser Hinsicht sind Israelis selbst ein palästinisches (kein palästinensisches) Volk. Während der Herrschaft der Engländer, denen nach dem Ende des 1. Weltkrieges dieser Teil des Nahen Ostens zugeteilt wurde, bezeichnete der Begriff Palästina politisch auch Transjordanien, nämlich das Gebiet des heutigen Königreichs Jordanien.

Wie in Palästina, nach dem ab dem 12. Jahrhundert vor Christus eingetretenen Machtverlust der Ägypter, ein israelitisches Staatsgebilde entstehen konnte, und ob die Völkerstämme, die dieses Land bewohnten, eigentlich eine staatliche Einheit bildeten, ist umstritten. Die archäologischen Befunde widersprechen vielerorts der Überlieferung der Bibel, Hauptquelle der Geschichte Palästinas. Die Einwanderung der Israeliten nach Palästina aus dem Ägypten («Exodus»), wie sie in der Bibel im 2. Buch Moses dargestellt wird, ist aufgrund von archäologischen und geschichtlichen Forschungsergebnissen kontrovers.

Ein israelitisches Reich konnte sich in dieser Region durchsetzen und blühte bis zur jüdischen Diaspora (Flucht, Zerstreuung), die nach der Eroberung Palästinas und dem Niederschlag der jüdischen Revolten durch das Römische Reich begann. Meilenstein dieser Ereignisse ist das Jahr 70 nach Christus, als die Römer den Tempel Jerusalems zerstörten. Es folgten sechs Jahrhunderte einer meistens griechisch geprägten Christianisierung der Bevölkerung Palästinas, unter Herrschaft des Oströmischen Reichs.

Warum lebt heute in Palästina ein arabisches muslimisches Volk? Die Islamisierung der Region begann ab dem 7. Jahrhundert, als Jerusalem vom Kalif Umar erobert wurde. Die neue religiöse Orientierung konnte mit den christlichen Kreuzzügen des 11. Jahrhunderts nach Christus, teilweise und kurzzeitig rückgängig gemacht werden. Das Gebiet Palästina fiel im 16. Jahrhundert unter osmanische Herrschaft und war ab diesem Zeitpunkt bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wieder überwiegend muslimisch geprägt.

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Was sind die «Zionisten?» Zionismus hat nur teilweise mit Judentum zu tun. Zionisten sind der zunächst deutlich minderheitliche Teil der Juden, der das politische Projekt des Wiederaufbaus eines jüdischen Staats in den Gebieten unterstützte, die in vorchristlichen Zeiten bis zur Tempelzerstörung durch die Römer und vor der Islamisierung bereits von den Juden bewohnt waren. Das ist nämlich Palästina, in der historischen Auffassung dieser Bezeichnung.

Der Zionismus hat eine lange Geschichte aber nahm seine moderne Ausformung im ausklingenden 19. Jahrhundert an. Er hat daher nichts direkt mit der Shoah, der Verfolgung und Massentötung von Juden in Europa während des 2. Weltkriegs, zu tun. Dennoch konnte das tragische Schicksal von so vielen Juden, die ermordet oder vertrieben wurden, viele, auch nicht nationalistisch eingestellte Juden zum zionistischen Projekt gewinnen und trug somit zur 1948 erfolgten Gründung des Staats Israel in Palästina wesentlich bei. Was aber geschieht nun mit der arabischen muslimischen Bevölkerung, die sich Jahrhunderte zuvor genau dort niedergelassen hatte?

Das ist eben der Punkt. Die Araber Palästinas und die arabischen Staaten der Region wehrten sich sofort gegen die Entstehung des jüdischen Staats, weil sie sich nach dem Ende der französischen und englischen Verwaltungsmandate in der Region die Entstehung eines einheitlichen arabischen Staats erhofften. Nach dem Aufteilungsplan der UNO sollten in Palästina zwei Staaten entstehen, ein jüdischer und ein arabischer. Der Plan wurde von den arabischen Ländern und vom nationalistischen jüdischen Flügel abgelehnt aber von der Mehrheit der UNO-Länder und dem moderaten jüdischen Lager akzeptiert. Der jüdische Staat entstand und fand sofort breite internationale Anerkennung. Zur Gründung eines eindeutig als solcher anerkannten arabischen Staates kam es aber nie.

Die Begriffe «Palästina» und «Palästinenser» beziehen sich seitdem im allgemeinen Sprachgebrauch nur auf die Gebiete, die einst von der UNO zum arabischen Palästina-Staat zugeteilt waren und sich mittlerweile durch unzählige Kriege, kontroverse Siedlungsgründungen und Grenzverschiebungen im Vergleich zum originalen Aufteilungsplan territorial stark verändert haben, und beziehungsweise auf die arabische Bevölkerung, die in diesen aufgesplitterten Ladesteilen lebt, nämlich im Gaza-Streifen und im Westjordanienland.

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Beide Völker haben begründete historische Argumente, Palästina für sich zu beanspruchen. Land gibt es genug für beide. Was beim Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen überrascht, ist der überproportionale Einsatz von Kriegsmitteln. An Zynismus fehlt es auf beiden Seiten nicht. Das Religiöse spielt an beiden Fronten eine verheerende Rolle. Dennoch: Israel ist der weitestgehend modernste und wirtschaftlich besser ausgestattete Staat der ganzen Region und geniesst die breiteste internationale Anerkennung.

Warum Israel sich in dieser Stellung und mehr als 60 Jahren Bestehens nichts Besseres einfallen lässt, als sein unumstrittenes Recht auf Verteidigung mit Anschlägen auf Schulen, Zivilgebäude und im Freien spielende Kinder auszuüben, und seine vermeintliche Überlegenheit nicht mal auch mit anderen als mit militärischen Mitteln unter Beweis stellt, bleibt offen.

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