Polens Dreifaltigkeit

Danzig | © Marcin Krzyzak
Danzig | © Marcin Krzyzak

Bei der Auswertung der Wahlergebnisse in Polen möchte ich drei Elemente hervorheben, unter den vielen, die in den unzähligen Kommentaren zum Wahlgang vom 25. Oktober erschienen sind. Die katholische Kirche spielt immer noch eine entscheidende Rolle. Die Ukraine-Krise hat die Beziehungen zwischen Polen und Russland noch schwieriger gemacht. 


 

Es geht namentlich um:

  • Die Rolle der katholischen Kirche
  • Das kulturelle Erbe der kommunistischen Zeit
  • Die Stellung Polens zu Russland.

Die katholische Kirche spielt bei der Orientierung der polnischen Gesellschaft immer noch eine entscheidende Rolle. Katholische Kirche bedeutet in Polen etwas ganz anderes als das Bild von Katholizismus, das der heutige Papst durchzusetzen versucht. Ähnlich wie die offiziellen Kirchenkreise Lateinamerikas der siebziger Jahre, setzen die polnischen Kirchenführer auf Nationalismus und solide wirtschaftliche Grundlagen. Egal ob Papst Franziskus Aufmerksamkeit auf die sozial schwächsten Bevölkerungsgruppen und Willkommenspolitik angesichts der Migranten predigt: Stützpfeiler eines überwiegenden Teils der polnischen Kirche bleiben nach wie vor das Bündnis mit nationalistisch eingestellten Kräften und der Widerstand gegen jede Anpassung an die sich verändernden Bedürfnisse des zeitgenössischen Menschen. Die polnische Kirche schaut daher auf die Europäische Union als Schutzwall des Laizismus und der Grundfreiheiten mit Misstrauen. Unter den polnischen Katholiken gibt es zwar auch andere Kräfte, aber die Wähler begünstigten den konservativen Flügel. Einen entscheidenden Beitrag dazu leisteten katholische Sender wie Radio Maryja und TV Trwam. Diese Medien fallen wegen Verdacht von nationalistischen und antisemitischen Sympathien auf und geniessen bei den kulturell und wirtschaftlich schwächeren Bevölkerungsteilen hohe Einschaltquoten.

Von einer Gesellschaft, die sich während mehr als vierzig Jahre in der Rhetorik der sozialistischen Wirtschaft entwickelte, würde man alles ausser Nationalismus erwarten, denn Marxismus automatisch zum Internationalismus führen sollte. Bei der marxistischen Theorie stellte die Nation nämlich nur eine notwendige, kurzlebige Erscheinung im Wege der Auflösung der Nationalstaaten als Wiegen der sozialen Ungerechtigkeit dar, mit dem Ziel, eine einheitliche, gerechte und grenzenlose Weltordnung zu errichten. Diese Entwicklung blieb aus. Bereits bei Lenin tauchte das nationale Element im kommunistischen Diskurs wieder auf. Wenn man den Alltag und die Erziehungsrhetorik der osteuropäischen Gesellschaften bis Ende der achtziger Jahre betrachtet, stellt man fest, wie eng auf den nationalen Raum der Blick jener Bevölkerungen gerichtet war. Nach dem Ende der kommunistischen Ära konnten die Kirchen und die vielen nationalistischen bis xenophoben Bewegungen, die heute nicht zufällig in den ehemaligen Ostblockländern blühen, erfolgreich an dieses nationalistische Gefühl anknüpfen.

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Die Ukraine-Krise hat die bereits nicht idyllischen, historisch belasteten Beziehungen zwischen Polen und Russland nur schwieriger gemacht. Als ehemaliges Gebiet des russischen Kaiserreichs fühlt sich Polen vom nationalistisch geprägten, militärischen Schwung Putins unmittelbar bedroht. In Bezug auf die Beziehung zu Moskau haben sich in Warschau hauptsächlich zwei Denkrichtungen entwickelt. Die eine zielt auf die Sicherung der polnischen Interessen durch eine engere Integration mit der EU. Die andere stellt das nationale Element in den Vordergrund und sucht bei der Verteidigung gegen Russland eher den direkten Draht zu den USA. Die Wähler entschieden sich für die letztere Alternative.

Die katholische Weltanschauung, das kommunistische Erbe und der Nationalismus haben eine gemeinsame Grundlage: Sie nutzen das menschliche Gefühl von Angst und Schwäche und bieten den verängstigten Menschen Zuflucht auf bewährtem Boden im Sinne von einem nostalgisch geprägten Konservativismus und von vertrauten «Werten,» obschon diese Konstrukte von ihren Predigern als zukunftsträchtige Befreiungsideologien gepriesen werden. Ob eine solche Strategie den Herausforderungen unserer Zeit entspricht, ist fraglich.

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