Bombenanschlag: Warum ist Russland nicht anders

Sankt Petersburg, U-Bahn Technologisches Institut am Tag nach dem Anschlag | Nachritenblog in russischer Sprache Meduza.io
Sankt Petersburg, U-Bahn Technologisches Institut am Tag nach dem Anschlag | Nachritenblog in russischer Sprache Meduza.io

 

Am 3. April 2017 hat ein Bombenanschlag das U-Bahn-Netz der russischen Stadt Sankt Petersburg lahmgelegt. In den Fernsehbildern der ersten Minuten nach dem Attentat konnte man im dichten Qualm einen Zug mit zerfetzten Türen am Bahnsteig der Station Technologisches Institut erkennen, Leichen am Boden und verängstigte Fahrgäste.


 

Der Anschlag ereignete sich gegen 14:40 Ortszeit im Tunnel zur vorherigen Station Sennaja Platz. Beim Terrorakt sind 56 Personen verunglückt, 14 davon tödlich. Die teilweise schwer Verletzten wurden in zwei Krankenhäuser der Stadt eingeliefert. Die Frage, wer der Drahtzieher des Anschlags sein könnte, findet in diesen Stunden die unterschiedlichsten Antworten. Die doch sehr verbreitete Erklärung, das russische Regime hätte diesen und andere ähnliche Anschläge der letzten Jahre selbst organisiert, um die Verschärfung der Repression gegen eine erstarkte Opposition zu rechtfertigen, ist eine charmante Theorie, die bisher keinen wissenschaftlich und methodologisch fundierten Rückhalt findet. Von diesen Erklärungsversuchen, die eher nach Verschwörungstheorien klingen, sollte man sich, egal, was man vom heutigen Russland hält, am besten fernhalten.

Man kann selbstverständlich nicht ausschliessen, dass Geheimdienste oder andere Schaltstellen eines autoritären Staats eine Terrorzelle mit der Verübung eines Attentats im eigenen Land beauftragen. Ein Regime, das sich selbst in Gefahr fühlt, spart wenige Zehnten von Toten und Verletzten nicht, wenn es um die Macht geht. Dennoch erfordert eine solcher Erklärungsversuch wesentlich überzeugendere Beweisstücke, als jene, die in diesem und anderen Fällen vorliegen. Ähnliche Theorien geniessen nicht nur in Russland eine gewisse Verbreitung. In Italien rätseln Historiker und Ermittler auch heute noch darüber, ob und inwiefern welche Geheimdienste die Terrorwelle der Siebziger und Achtziger Jahre mitgestaltet hätten. Ob dies heute in Russland der Fall ist, werden wir nicht hier und jetzt entscheiden können.

Im Vergleich zum Westen will sich Putins Russland anders – ist es aber nicht, oder nicht so anders, wie es sein möchte. Es ist grösser und komplizierter, es hegt in sich und im ehemaligen sowjetischen Raum Widersprüche und Unmut genug, um eigene Terroristen selbst zu gebären. Der mutmassliche Selbstmordattentäter von Sankt Petersburg war ein russischer Bürger mit Abstammung aus der früheren Sowjetrepublik Kirgisistan. Nach jedem Anschlag nehmen die Moskauer Ermittler den Kaukasus und Zentralasien unter die Lupe. Das ist kein Zufall. Das Netz von einst innersowjetischen und heute teilweise internationalen Staatsgrenzen in jenen Regionen ist nicht engmaschig genug, um dort das Bestehen eines selbsternannten islamistischen Kalifats nach dem Vorbild des sog. «Islamischen Staats» zu verhindern. Nach dem Fall der Sowjetunion sind beide Gebiete zur Wiege von Terrororganisationen islamistischer Prägung mit separatistischen Absichten geworden. Diese Gruppierungen gefährden Russland direkt an seiner südlichen Flanke. Auch mit den russischen Teilrepubliken Tschetschenien und Dagestan ist der Schlussstrich noch nicht gezogen.

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Russland hat sich an einer Vielzahl von internationalen Schauplätzen für einen Alleingang entschieden. In der Ukraine, in Georgien, Syrien und im Nahen Osten, nun womöglich in Libyen will Putin zeigen, dass er seinen eigenen Kopf hat. Das ganze Regelwerk des Völker- und Kriegsrechts legt er heute nach eigener Laune aus, morgen lehnt er es einfach ab. Nun, das Spiel Russland gegen den Rest der Welt gewinnt weder der Rest der Welt noch Russland selbst. Gewinner sind die staatlichen und nicht staatlichen Akteure, welche Terrororganisationen direkt betreiben oder ihnen unter dem Tisch Geld und Gerät liefern.

Gegen den Terror helfen nur internationale Kooperation, Zusammenhalt und Entwicklungshilfe. Die Europäer haben die Lektion gelernt. Seit den Pariser Anschlägen sind zwar langsame, aber entscheidende Fortschritte im Bereich des Datenaustausches und der Zusammenarbeit im Hinblick auf die Prävention von möglichst vielen Terroranschlägen in der EU zu verzeichnen. Es wurden Kooperationsprojekte angelegt, die Entwicklungsländern helfen sollen, Armut und Hoffnungslosigkeit als Ursachen von Terror und globaler Unsicherheit zu bekämpfen. Russland ist nicht dabei, oder nicht in dem Masse, in dem die Welt es bräuchte. Es hat die Einer-gegen-Alle-Politik gewählt. Trumps Amerika droht ein ähnliches Schicksal – vorausgesetzt, dass der neue US-Präsident weiss, was er für sein Land eigentlich will.

Die Bombe von gestern wurde in einer europäischen Metropole gezündet, die ihren Grundriss und ersten Bauplan, der sie noch heute prägt, einem Architekten aus der Südschweiz, ihre spätere Blüte unzähligen italienischen, französischen, deutschen Künstlern, Juristen und Handwerkern verdankt. Über die Spuren jener Präsenzen stolpert man alle zwei Schritte in der russischen Sprache, die dementsprechend viele Begriffe aus dem Französischen und Deutschen übernommen hat. Jedem, der irgendwo in der Welt das Meisterwerk Dostojewskis Schuld und Sühne gelesen hat, kommt der Ort des Anschlags, der Sennaja-Platz von Sankt Petersburg, nicht neu vor.

Trotz des offiziellen Kundgebungsverbots kamen es am 26. März in Moskau, auf dem Manegenplatz, viele Bürger zusammen. Es kam wieder zu Festnahmen durch die Polizei. Der private, nicht offizielle Fernsehkanal Dožd’ berichtete direkt vor Ort über die Ereignisse. Ein Journalist des Senders fragte einen jungen Teilnehmer der Kundgebung nach dem Grund, warum er demonstriert: «Ich möchte, dass Russland ein normales, europäisches Land wird.» Dieser Wunsch scheint bei den jüngeren Russen kein vereinzelter Ausdruck zu sein. Videos zeigen, wie die Lehrer auf die ideologischen Überzeugungsmittel der Sowjetära wieder zugreifen, diesmal aber mit Schülern, die ihre Sympathie für die Oppositionsbewegungen nicht verleugnen und den Indoktrinierungsversuchen mutig entgegentreten.

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Sankt Petersburg, 3.4.2017 h 14:40 ca. | © Unbekannt
Sankt Petersburg, 3.4.2017 h 14:40 ca. | © Unbekannt

Es kann schwierig werden, die Argumente für die Abschottung Russlands vom Westen den jüngeren Generationen gegenüber glaubwürdig darzustellen, die tagtägliche, manchmal bis aufs Ridiküle vorgeführte, antiwestliche Propaganda der offiziellen Medien zu begründen. Vladimir V. Putin bezeichnet mit dem Begriff russkij mir, «russische Welt,» einen Grossraum, der sich ungefähr mit der ehemaligen Sowjetunion abdeckt. Das ist sein Russland. Für manche, extreme Vertreter des Moskauer Neuimperialismus umfasst der russkij mir – ein Ausdruck, der wegen einer der vielen Seltsamkeiten des Russischen auch «russischer Frieden» bedeutet – alle früheren Gebiete des russischen Reichs, darunter Polen, Finnland und Alaska. Nun erweist sich immer mehr der angestrebte russkij mir als eine parallele Realität, ein Anderswo und eine Andersheit, die den staatlichen Medien Moskaus ein langweiliges Drehbuch und der Bevölkerung keine Hoffnung auf ein besseres Dasein bietet.

Der Bombenanschlag in Sankt Petersburg hat noch einmal gezeigt, dass Russland gar nicht anders ist: Das Geschreie in der U-Bahn-Station voller Qualm, die Leichen, die Bürger, die am Mobiltelefon um Hilfe rufen, via Facebook das Geschehene filmen und direkt übertragen, die Taxifahrer, die ihre Mitbürger kostenlos in Sicherheit bringen. Die Blumen und Kerzen am Ort des Anschlags.

Die gleichen Ereignisse, die gleichen Geschichten und Gesichter, die man in Paris, Brüssel oder Berlin erlebt hat. Putins letzte Stunde wird wahrscheinlich dann schlagen, wenn diese Bürger ernsthaft beginnen, das Narrativ des Regimes abzulehnen, weil sie nicht mehr bereit sind, zu akzeptieren, dass ihre Geschichte unbedingt anders sein muss, und sie doch bei Kriegen und Terroranschlägen das gleiche Blut wie alle anderen Menschen giessen.

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