Wie man 92 Jahre Geschichte auslöscht

«Giornale del popolo», letzte Ausgabe | Bild: Luca Lovisolo
«Giornale del popolo», letzte Ausgabe | Bild: Luca Lovisolo

Die Tessiner Volkszeitung und ihre 92 Jahre Geschichte gehen in 24 Stunden zu Ende, mit einer Ausgabe aus weissen Seiten. Seit einigen Jahren ist die Tessiner Medienlandschaft im Umbruch. Ähnlichkeiten mit der Entwicklung der italienischen Medienindustrie. Die neuen Gestalten der Tessiner Presse vertreten die russische Weltanschauung.


 

Heute ist ein trauriger Tag für den Kanton Tessin, nicht nur für seine Medienlandschaft. Selbst die kleine Gruppe von Hausfrauen, die üblich in der Bar meines Dorfes gemeinsam frühstücken, debattiert eifrig darüber. Eine Tessiner Tageszeitung macht dicht, aber keine irgendwelche: Giornale del popolo, die Volkszeitung und ihre 92 Jahre Geschichte gehen heute zu Ende. Sie war die Zeitung der katholischen Kirche, ich habe sie fast nie gelesen, aber dies spielt keine Rolle. Wie in vielen italienischen Provinzen auch – und der Kanton Tessin gleicht in mancher Hinsicht, im Guten wie im Bösen, einer norditalienischen Provinz – haben hier die katholischen Medien Tradition. Sie erreichen ein Publikum, das andere Medien nicht ansprechen, sie werden zu normalen, professionellen Akteuren der Medienlandschaft.

Schluss, in 24 Stunden. Mit einer Ausgabe aus weissen Seiten. Die Ankündigung kam gestern aus heiterem Himmel und lässt Fragen offen, die Stunde um Stunde nur dringender werden. Findet man in einem Kanton Tessin keine 400’000 Franken, die angeblich das Manko ausmachen und den Verleger zum Konkursantrag gezwungen haben? Klingt komisch. Was hat eigentlich zum Konkurs der Werbeagentur Publicitas geführt, der die Pleite der Volkszeitung verursacht habe – angenommen, dass die beiden Ereignisse wirklich zusammenhängen? Ob die nächsten Tage Antworten und Lösungsvorschläge bringen werden, wird sich zeigen. Man kann sagen, was man will: Die Leserschaft schrumpft, die Internet-Konkurrenz, die Medienkonzentration… Früher hielt die katholische Kirche für wichtig, ihre Rolle als kulturschaffende Institution zu wahren. Dies bedeutete auch, eine qualifizierte Präsenz in der Medienlandschaft aufrechtzuerhalten. In den letzten Jahrzehnten hat sie auf diese Rolle zunehmend verzichtet, und das ist schlecht, nicht nur für Katholiken.

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Eines ist sicher: Seit einigen Jahren ist die Tessiner Medienlandschaft im Umbruch. Das Ende der Volkszeitung ist eine Nebenwirkung dieser Unruhe. Man könnte mehrere Namen und Vornamen nennen, die durchaus nicht tessinisch klingen: Texter, die, gleich wie sie die Grenze übertreten, zu Kommentatoren und zu kleinen Berlusconis im Nahverkehr werden. So muss der Tessiner Leser die postfaktische Realität der Artikel über Russland, Syrien oder die Ukraine verschlucken, die wie Abdrücke von Berichten des russischen Staatsfernsehens wirken; der muss wehrlos zusehen, wenn der Chefredaktor der grösseren Tessiner Tageszeitung, im Auditorium der Universität Lugano, den lächerlichen Auftritt eines Mailänder Professors für internationale Beziehungen moderiert, der am besten in eine Talkshow des italienischen Fernsehens gehören würde.

Bis Ende 2017 genoss die Volkszeitung eine Zusammenarbeit mit dem Corriere der Ticino. Sie blieb unabhängig, doch die Kooperation half womöglich, die Kosten zu senken und die Zeitung aufrechtzuerhalten. Ab dem 1.1.2018 wurde die Zusammenarbeit gekündigt, denn «es gab Meinungsverschiedenheiten über die Rolle unserer Zeitung,» so äusserte sich, mit kurialer Umsicht, der Verleger der Volkszeitung dazu.

Wer die Veränderungen der italienischen Medienlandschaft im Berlusconi-Rausch der 90er Jahre erlebt hat, der weiss, wie diese «Meinungsverschiedenheiten» aussehen könnten. Der grössere Verleger sagt dem kleineren: Willst du das werden, was ich will, so bleibst du mit uns; willst du nicht, kannst du gerne alleine weitermachen. Der Grosse weiss, dass dem Kleinen «alleine weitermachen» so gut wie «sterben» bedeutet. Die Medienlandschaft schrumpft und schrumpft, am Ende überlebt nur eine Handvoll stark politisch profilierter Medien, die sich einfacher kontrollieren lassen und keinen Journalismus mehr machen, sondern politische Meinungs(miss)bildung. Das scheint auch hier, seit einigen Jahren, einzutreten, nur in kleinerem Format und mit noch kleineren Menschen.

Dieser Kanton und die ganze Schweiz haben seit den 90er Jahren unvorsichtig Scharen russischer Oligarchen mit Steuerbegünstigungen hierhergelockt. Die Magnaten haben hier mittlerweile Wurzel geschlagen und freuen sich darüber, dass die russische Weltanschauung in den hiesigen Medien Fuss fasst. Die neuen Leitfiguren der Tessiner Presse und ihre Schergen erachten scheinbar für ihre vornehmliche Pflicht, überall wo sie nur können, das Kredo Putins zu predigen.

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Welche Beziehungen zwischen Russland, den Aufsteigern der Tessiner und eidgenössischen Medienindustrie und den hiesigen, allerdings ziemlich dilettantischen Berlusconi-Nachahmern bestehen, wäre ein durchaus interessantes Forschungsgebiet. Mittlerweile bleiben die 30 Familien der Mitarbeiter der Volkszeitung ohne Einkommen.

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