Die neue Ostfront: Eine ukrainische Reise – 1

Marktplatz, Lemberg | © Luca Lovisolo
Marktplatz, Lemberg | © Luca Lovisolo

Der Konflikt in der Ukraine macht uns auf ein Land aufmerksam, das viel näher ist, als wir meistens denken. Warum sollte uns das Schicksal dieses Landes angehen? Irgendwie beziehen wir von dort Energie in Form von Gas. Wieviel genau von der Ukraine – wenn überhaupt und wieviel von Russland, ist schon wieder eine nur vage Vorstellung.


 

Viele Ukrainer leben unter uns, beschäftigen sich mit älteren pflegebedürftigen Menschen und anderen Dingen, für die uns Westeuropäer keine Zeit übrig bleibt. Mancher Ukrainer rutscht in die Illegalität und gerät in die Schlagzeilen. Immer diese Slaven, Russen… Ukrainer sprechen doch Russisch, oder? Die Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht und ändert plötzlich den Blickwinkel, aus dem wir die andauernden Streitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine betrachten. Aus dieser Perspektive wird klar, welche Rolle dieses Land in Europa spielt und warum wir das, was nun in der Ukraine passiert, eigentlich nicht als einer der mittlerweile unzählig gewordenen Regionalkonflikte einstufen und in Vergessenheit geraten lassen dürften.

Welche Sprache sprechen die Ukrainer? Knapp 70 Jahre sowjetischer Geschichte konnten den Rest der Welt davon überzeugen, dass in allen Teilrepubliken der UdSSR nur Russisch gesprochen wurde. Stimmt die Aussage? Ja und nein. Andere Frage, die keine leichtfertige Stellungnahme verträgt. Die sprachliche Vielfalt Osteuropas ist uns Westeuropäern ein Rätsel. Wollen wir dieses Rätsel lösen, so stellen wir fest, dass die sprachliche Frage in jenen Gebieten nicht nur Stoff für Sprachwissenschaftler bietet. Nach dem Fall der Sowjetunion und der Auflösung des Ostblocks wird sie zu einem Schüssel der Zeitgeschichte einer ganzen Weltregion.

Mit den Prozentsätzen der Statistik – so viel Ukrainisch, so viel Russisch, Rumänisch, Krimtatarisch… – kommt man nicht zurecht. Wo, warum, wer spricht die eine Sprache, wer eine andere und wieso? Was passiert, wenn ein Bürger ukrainischer Muttersprache auf Russisch angesprochen wird, oder ein Russischsprachiger auf Rumänisch? Dies kann uns zum Verständnis eines gespaltenen Landes und eines Krieges verhelfen, eher als Zahlen und krümmere Forschungswege.

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Ich schreibe hier auszugsweise Impressionen aus einer Reise in die und in der Ukraine. Keine virtuelle, eine echte Reise in mehreren Etappen, bei der die Sprache eigentlich nur der Ausgangspunt der Enthüllung der tieferen Wurzeln eines Konfliktes, der Entdeckung eines Landes ist, das wir allzu oft als Quelle von Einwanderern und Ängsten in den Topf des gescheiterten Experiments Sowjetunion werfen.

Die Auswahl der ersten Station wurde nicht dem Zufall überlassen: Lemberg, die am stärksten ukrainisch geprägte Stadt der ganzen Ukraine.

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