Lemberg: Eine ukrainische Reise – 2

Lemberger Bahnhof | © dmitrydesigner
Lemberger Bahnhof | © dmitrydesigner

Es ist ein willkommener Zufall des Flugplans, dass eine Reise nach Lemberg in Wien anfängt. Im Warteraum, kurz vor dem Abflug, beginnen sich die Sprachen und die Farben der Pässe zu mischen. Die Kleidung der wartenden Menschen, die heute von der Staatsangehörigkeit der Reisenden meistens nichts mehr verrät, lässt hier noch deutlich erkennen, dass man irgendwo über eine Grenze fliegt.


 

Eine junge, gut gekleidete Frau telefoniert auf Russisch mit ihrem Freund und vereinbart geläufig, mit dem Ton einer entschlossenen Managerin, die Abholung am Flugziel. Nicht gerade das, was man eine «neue Russin» nennen würde, aber schon etwas in die Richtung. Ältere Frauen und Männer in bescheidenerer Gestalt, Mütter und Kinder reden Ukrainisch, tragen abgenutzte Handtaschen und verständigen sich irgendwie mit der Angestellten der Fluggesellschaft, die sie auf Deutsch mit unverkennbarem Wiener Dialekt anspricht und gleich danach auf mich zukommt, sich zunächst am Italienischen versucht, aber lieber auf Wiener Deutsch nach meinen Unterlagen weiterfragt. Am nächsten Gate fliegt man nach Moldawien. Die vertrauten, neulateinischen Töne des Rumänischen schallen vom Ende der langen Menschenschlange bis zu uns her.

Genau vor 100 Jahren, im Sommer 1914, hörte man in dieser Stadt die gleichen Sprachen, nur nicht an diesem sonst befremdenden, hypertechnologischen Flughafen, sondern an mit Dampf gesättigten Eisenbahnhöfen, nach Schweiss und Maschinenöl stinkend. Die Fahrt ging damals hauptsächlich in zwei Richtungen: Nach Hamburg und Bremen, und von dort weiter nach Amerika, weg vom Verfall des Imperiums, oder nach Osten, an die russische Front des vor kurzem ausgebrochenen ersten Weltkrieges. «Die Welt war damals noch in Ordnung,» schrieb Joseph Roth in einem seiner Romane über das ausklingende Habsburgische Reich.

Lemberg und das Land Galizien gehörten zur K.u.K.-Monarchie, wurden von Wien aus regiert aber konnten ihre Sprache behalten, wie alle anderen Länder der Monarchie auch. Man konnte ohne Pass von Sarajevo über Prag nach Krakau, vom rumänischen Temeschwar nach Innsbruck, von Lemberg, wo ich jetzt hinfliege, nach Trient, wo meine Grossmutter im Kriegsausbruchsjahr 2 Jahre jung war, ungehindert fahren.

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Die Beförderungsmittel haben sich geändert, die Natur des Menschen nicht. Die Sprachen des habsburgischen Riesenstaats – Deutsch, Ungarisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch, Russisch, Rumänisch, Italienisch… – sind alle immer noch da. Sie füllen nicht mehr die Strassen und Höfen einer Hauptstadt, welche eine Drehscheibe Europas war, sondern den Wartesaal einer Drehscheibe anderer Art, die man heute Hub nennt und immer noch den Namen Wien trägt. Wenn die Reise von hier nach Osten geht, gelangt man nach wie vor an eine russische Front. Lemberg liegt von den heutigen Kriegsgebieten der Ostukraine mehr als 1000 Km entfernt, aber die Schlagzeilen der ukrainischen Zeitungen, in denen die Fluggäste um mich schweigend lesen, hätte man auch vor 100 Jahren gelesen: Lageberichte vom Schlachtfeld.

Wir alle, Menschen des XXI. Jahrhunderts, die in dieser kleinen und lauten Propellermaschine eng zusammen sitzen, sind Enkel jener Zeit und jenes Europa. Seitdem meine Oma am Ufer der damals politisch österreichischen und sprachlich italienischen nördlichen Spitze des Gardasees laufen lernte, scheint sich unsere Welt kaum verändert zu haben.

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